Vortrag „Fluchtgrund Afghanistan“ trotzt Orkan Friederike

Mit knapp einer Stunde Verspätung, fand der Vortrag „Fluchtgrund Afghanistan“ vor einem gut besuchten Publikum statt.

Der Vortragende Emran Feroz, Journalist und Experte zum Thema Afghanistan sowie Drohnenkrieg, hielt einen spannenden Vortrag zum Themenkomplex „Fluchtgrund Afghanistan“.

Feroz selbst ist Kind afghanischer Eltern, welche vor den sowjetischen Besatzungstruppen in Afghanistan nach Deutschland geflohen sind.
Um den Besuchern den Themenkomplex näher zu bringen, gab Feroz zunächst einen geschichtlichen Einblick in die Entwicklung Afghanistans.
Hierbei zeigte er auf, dass Afghanistan bis jetzt eine 40 jährige Zeit des Krieges bzw. kriegsähnlicher Zustände aufgrund vieler unterschiedlicher Akteure und Interessensgruppen hinter sich hat.
Diese Interessensgruppen und Akteure sind zum Beispiel sogenannte Warlords aber auch Staaten wie die USA, UdSSR, aktuell China, die Nachbarstaaten Iran, Saudi Arabien sowie Pakistan aber auch europäische Staaten. Die Motivation und das Interesse der vielen Staaten und Akteure liegen unter anderem in den Bodenschätzen im Wert von
100 Milliarden US-Dollar begründet.
Des Weiteren ging er auf die interessante Entstehungsgeschichte der Taliban ein. Diese wurden von vielen Afghanen als eine Art „Robin Hood“ Bewegung gesehen. Der Taliban-Gründer Mullah Omar erfuhr von der Misshandlung junger Mädchen durch einen Warlord. Der Gelehrte Omar und seine Schüler töteten den Warlord und befreiten die Mädchen.
Diese Aktion wurde als ein Aufbäumen gegen die Warlords und somit gegen korrupte Strukturen, welche einen Aufbau demokratischer Strukturen verhindern, gesehen.
Auch an dem Beispiel der Taliban zeigen sich erneut die externen Interessen am Staate Afghanistan.

Aus der Gründung der Taliban entstand ein erneuter Stellvertreterkrieg zwischen den Taliban, welche unter anderem von Pakistan unterstützt wurden, sowie den Warlords, welche durch Russland, Iran uva. gestützt wurden.
Zurzeit herrscht ein Bürgerkrieg in Afghanistan, an dem die Regierung der islamischen Republik, die Taliban sowie der IS und viele andere beteiligt sind.
Auch aufgrund des Bürgerkriegs bekräftigt Feroz noch einmal verstärkt „…dass es in Afghanistan keine sichere Regionen gibt.“ Täglich gibt es Bomben- und Drohnenangriffe bei denen hunderte Zivilisten getötet werden. Vieles bleibt auch in Dunkeln verborgen, da Journalisten überhaupt nicht in die gefährlichen Gebiete gelassen werden und somit nicht über die Vorkommnisse berichten können. Vor allem die Drohnenangriffe sind nicht zielgenau, wer tatsächlich getötet wird, bleibt häufig unbekannt.
Im Dezember 2015 wurden 200 Luftangriffe seitens der USA verzeichnet. Seit der Trump-Administration wurden zum gleichen Zeitpunkt im Dezember 2017 bereits 500 Luftangriffe ausgeführt, somit wurden über 1400 Zivilisten von US Luftangriffen getötet.

Der Krieg hat zur Folge, dass mehrere hunderttausend afghanische Binnenflüchtlinge von Provinz zu Provinz, aber auch über die Nachbarstaaten hinaus fliehen, jedoch dort institutionell diskriminiert und somit wieder abgeschoben werden.
Auch Deutschland schiebt regelmäßig afghanische Geflüchtete in Kriegsgebiete ab. Die Bundesrepublik begründet ihr Handeln damit, dass Deutschland sehr viel Geld in den Strukturaufbau des Landes investiert. Dieses Geld, meint Feroz gelangt jedoch in die Hände der Warlords und somit unterstützt Deutschland indirekt weiter die korrupten Strukturen des Landes. Die deutschen Gelder fließen demnach nicht in den Aufbau von Schulen, Krankenhäusern oder in die Verbesserung der öffentlichen Strukturen.

Die Zukunft des Landes sieht Feroz weiterhin pessimistisch. Er sieht zu viele Akteure, national sowie international an den Machtkämpfen beteiligt.
Auf die Frage wie wir hier die Demokratie in Afghanistan unterstützen können, wünschte er sich lediglich, dass Deutschland die Menschen nicht mehr nach Afghanistan abschiebt.
Er empfindet die Argumentation der Bundesregierung als heuchlerisch, Menschen in vermeintlich „sichere Regionen“ abzuschieben, da Deutschland viel Geld in das Land investiert habe.

„Es ist krass, wie zerrüttet das Land seit so vielen Jahren ist und die Menschen seit mehreren Generationen überhaupt nicht zur Ruhe kommen können. Für mich ist es unvorstellbar unter welchen Bedingungen die Menschen in Afghanistan leben, immer mit dem Risiko auf der Straße durch einen Bombenabgriff ums Leben zu kommen.“, so Benno Platte.

Emran Feroz studierte in Tübingen Politologie und Islamwissenschaften und arbeitet heute als freier Journalist mit Fokus auf Zentralasien und Nahost, unter anderem für Die Zeit, taz. die tageszeitung, Aljazeera und New York Times. Regelmäßig berichtet er über und vor allem aus Afghanistan. Ein Schwerpunkt seiner journalistischen Tätigkeit liegt auf dem US-amerikanischen Drohnenkrieg. So ist er auch Initiator des „Drone Memorial“, einer  virtuellen Gedenkstätte für zivile Drohnenopfer, denen er Gesicht und Namen und somit ihre Würde wiedergibt. Nach langen Recherchen erschien im Oktober letzten Jahres sein Buch „Tod per Knopfdruck“, in dem er das Ausmaß des US-geführten Drohnenkrieges schildert.